Insel
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Die Schwarze Insel Korčula – Marco, Jacobo und die Bruderschaften

Die Griechen nannten die Insel Korkyra Melaina, Schwarze Insel, wegen der dunklen Nadelbäume. Daraus wurde später der Name Korčula. Aus den Bäumen baute man Schiffe für die Flotten von Dubrovnik und Venedig. Auch die griechische Insel Korfu ist vom gleichen Wortursprung abgeleitet. Auf beiden Inseln soll der Meeresgott Poseidon der Tochter des Asopos ein Heim bereitet haben. Es gibt Orte, die seit je her von den Göttern oder vom Schicksal begünstigt sind. Ein Sturm rettete im Jahre 1571 den Ort vor der Zerstörung durch die Türken. Und Korčula hatte im zweiten Weltkrieg das Glück von den Bomben der Deutschen verschont zu bleiben, obwohl angeblich der Befehl der Bombardierung gegeben wurde. Ein deutscher Flieger hatte, der Schönheit der Stadt wegen, seine tödliche Fracht über dem Meer der Adria abgeworfen. Wald, Wein, Macchia und Olivenbäume prägen die Landschaft der Insel. Das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Insel spielt sich in Korčula Stadt ab, einem Ort mit nur knapp 6.000 Einwohnern, aber einer bewegten Geschichte.

Vorbild römischer Städte

Der Grundriss Korčulas ist im Mittelalter nach dem Vorbild römischer Städte geschaffen worden: Es gibt eine Hauptachse in Nord-Süd-Richtung, von der wie Fischgräten die Seitengassen abzweigen. Nur am Morgen und am Abend scheint die Sonne in die Gassen. Während der Mittagszeit liegen die Häuser in kühlendem Schatten. Neben der Sonne spielten bei der Planung die durch den Kanal von Pelješac verstärkten Winde eine bedeutende Rolle. Korčula gilt als eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Altstädte des gesamten Mittelmeerraums.

Korcula diente als Vorbild römischer Städte

Geburtshaus Marco Polos

Wir schlendern also in der mediterranen Mittagshitze durch die schattigen autofreien Straßen und stoßen im nordöstlichen Teil, im Herzen der Altstadt, auf das angebliche Geburtshaus Marco Polos. Das ist interessant, soll doch Marco Polo unseres Wissens Venezianer gewesen sein. War der berühmte Chinareisende des 13. Jahrhunderts etwa doch Kroate? Wikipedia verrät uns: geboren „ca. 1254 vermutlich in Venedig“. Marco Polos Familie stammt „wohl ursprünglich aus Dalmatien“. Also gut. Das kleine Museum ist auch nicht sonderlich ergiebig, die Geschichte eignet sich aber hervorragend als Gesprächsstoff für einen weinseligen Abend in einer der urigen Altstadtkonobas. Übrigens besaß der Genueser Entdecker Christoph Kolumbus eine Abschrift Marco Polos Reiseberichts Il Millione, die er mit Anmerkungen versah und unter anderem zur (offensichtlich falschen) Berechnung seiner Fahrt nach Indien heranzog. Aber ich schweife ab…

Wenn auch für die Tatsache, dass Marco Polo in den Gassen Korčulas das Licht der Welt erblickte, keine endgültigen Beweise vorliegen (so wenige, wie für die Venedig-Variante), so sollten doch die Gewässer um die Insel eine nicht unbedeutende Rolle im Leben des berühmten Reisenden spielen. Am 7. September des Jahres 1298 geriet unser Marco bei einer Seeschlacht zwischen den Truppen Genuas und Venedigs vor Korčula in Gefangenschaft. Während seiner Zeit im Genueser Kerker diktierte er seine unglaublichen Geschichten seinem Mitgefangenen Rusticiano oder Rustichello aus Pisa, der das Buch später herausgab und zu einem Bestseller machte.

Korcula

Atstadt Korčulas - gewölbte Halbinsel

Doch begeben wir uns zurück in die Atstadt Korčulas, auf die gewölbte Halbinsel, auf dessen Scheitelpunkt die an apulische Kirchen erinnernde Kathedrale des Heiligen Markus thront. Sie bildet das Zentrum auf der Nord-Süd-Achse vom Festlandtor bis zur Spitze der Halbinsel. Kunsthistorisch betrachtet kann die Kathedrale mit den architektonischen Meisterwerken in Trogir oder Šibenik nicht mithalten, doch setzen wir aufgrund der Überfülle von Kulturzeugnissen auf den dalmatischen Inseln vielleicht einen zu hohen Maßstab an. Der Glockenturm überragt die Dächer der Stadt und ist auf See schon vom weiten sichtbar. Stilelemente aus Romanik, Gotik, Renaissance und üppigem süditalienischem Ornamentalismus treffen hier aufeinander.

gewölbte Halbinsel Korcula

Im Inneren der Kirche hängt hinter dem Hauptaltar ein Gemälde, das die Heiligen Hieronymus, Bartholomäus und Markus darstellt – „wahrscheinlich ein Jugendwerk des berühmten Jacopo Tintorettos“ relativieren kritische Reiseführer – eventuell ein in jugendlichem Leichtsinn dahingemaltes Meisterwerk. Doch wollen wir es glauben, so wie die Geschichte um Marco Il Millioni Polo. Wir lassen uns auch diese Episode Korčulas Geschichte (oder ihrer Geschichten) auf der Zunge zergehen, wie den schmackhaften goldgelben Wein der Insel, den Grk, was übersetzt Grieche bedeutet und auf den Ursprung der Trauben hindeutet. Grk bedeutet aber auch herb.

Innerhalb der Altstadt Korčulas gibt es aufgrund der engen Platzverhältnisse keine Klöster, wie in vielen anderen kroatischen Städten. Einen starken Einfluss auf die Tradition und die Kultur der Stadt hatten indes die religiösen und zunftähnlichen Bruderschaften. Korčula war berühmt für seinen Schiffsbau, seine Seeleute und für herausragende Steinmetzarbeiten. Viele dieser Berufe waren in Bruderschaften organisiert. Wir besichtigen das Haus der Bruderschaft der Allerheiligen. Über der Eingangstür empfängt uns ein Relief aus dem Jahre 1301. Im Inneren staunen wir über eine Sammlung griechischer Ikonen von der Insel Kreta. Es überkommen uns bei dem Anblick der Ikonen Gedanken über die erstaunlichen Zusammenhänge und Querverbindungen, die im gesamten Mittelmeerraum über Jahrhunderte, über Jahrtausende gar, die Kultur (oder besser: Kulturen) geprägt haben.

Rundfahrt über die Insel

Bei einer Rundfahrt über die Insel begleiten uns diese Gedanken immer wieder; beim Besuch der heimlichen Hauptstadt der Insel Vera Luka, in der die Fähren aus Split anlegen; bei der Fahrt durch die Weinberge bei Lumbarda; beim Besuch kleiner Dörfer mit malerischen Altstädten und beim Besuch religiöser Zeremonien und alter Volkstänze. Der Schwerttanz Moreška zum Beispiel stammt ursprünglich aus dem 16. oder 17. Jahrhundert. Traditionell wird er am Tag des Heiligen Theodor, dem Schutzpatron der Stadt Korčula, am 29. Juli aufgeführt.

insel-korcula-sonne-gewitter

An diesem Tag werden wir wohl nicht in den Genuss einer Aufführung kommen, ziehen wir doch die Monate außerhalb der Saison für einen Aufenthalt auf Korčula vor, wenn es in den Gassen und Konobas ruhiger zugeht und an den Molen der Stadthäfen nur wenige Schiffe dümpeln. An milden und warmen Tagen unternehmen wir dann Wanderungen durch Olivenhaine und über mit Macchia bewachsene Hänge. Manchmal tut es uns in der Seele weh, wenn wir aufgelassene Höfe und sich selbst überlassene Olivenbäume sehen, die im Herbst voller dunkelgrüner und violetter Früchte stehen. Für solche Gelegenheiten haben wir bei Wanderungen immer einen Beutel dabei; für Oliven, Esskastanien und für Kräuter wie Rosmarin, Thymian und wilden Fenchel, dessen feine junge Triebe besonders im Frühjahr jeden Salat oder Fischgerichte zu kulinarischen Höhenflügen verhelfen. So muss es dem jungen Marco Polo ergangen sein, als er auf seiner Reise nach China in den Genuss so vieler intensiver Erlebnisse kam. Wir trinken auf ihn und auf Jacobo und auf all die anderen großen Geschichtenerzähler.