Nationaparks
07. Juli 2017 | Gelesen: 278 mal

Im Archipel der Kornaten – Auf den Spuren der Raubfischer

Im Archipel der Kornaten – Auf den Spuren der Raubfischer Die Kornaten sind ein Archipel für Liebhaber karger und harter Landschaften. Es scheint, als hielte der stetige Wind seine Hand über den Inseln, sodass sie sich immerzu ducken müssen. Kornaten, das sind flache Hügel, die nur wenige Meter aus dem Meer herausragen. Der Name „Kornati“ stammt vom lateinischen Wort für Krone „corona“. Die „Gekrönten“ verweisen jedoch nicht auf königliche Besitztümer oder gar ebensolche Bewohner der Inselgruppe, sondern auf ihre Geologie, denn mit „Kronen“ bezeichnen Geologen die letzten oberirdischen Zeugen im Meer versunkener Gebirge.

„Am letzten Schöpfungstag wollte Gott sein Werk krönen und so schuf er aus Tränen, Sternen und Atem die Kornaten“, schreibt George Bernard Shaw. Und wir stellen uns vor, dass zur Zeit der Schöpfung die Kornaten noch dicht bewaldet waren. Ein Paradies am Rande der Adria.

Wir werfen einen Blick in die Seekarte. Jeder Fels und jedes noch so kleine Stückchen Land, das hier aus dem Wasser ragt, trägt einen Namen. Die Beamten der k. u. k. Monarchie waren bei ihrer Vermessung der adriatischen Gewässer sehr genau und ebenso gewissenhaft waren sie bei der Namensgebung auch noch so kleiner Inselchen, die sie zu ihrem Reich zählten. Sie befragten die Fischer der Kornaten nach den Namen der Inseln und sammelten auf diesem Wege – unwissend, da der Sprache nicht mächtig – einige zweifelhafte Antworten aus dem Bereich der weiblichen Anatomie. Die, man kann sich das schon denken, gewissenhaft protokolliert und in die Karten übertragen wurden. Dieses verschmitzte Vermächtnis der Fischer gilt bis heute, und erfreut gleichermaßen die sprachgewandten unter uns.

Die Insel Kornat – trocken und windig

Kornat mit ihrer Bucht Lopatica, in der so manche Yacht ankert, zeigt sich von der allerkargsten Seite. Einsam wirkt alles, doch wir wären nicht in Kroatien, wenn nicht wenigstens eine Konoba zu finden wäre. So müssen wir nicht um das leibliche Wohl bangen. Muscheln, Fischsuppe, selbstgebackenes Brot, dies und das mariniert, zumeist in guter Qualität gibt es sogar auf den trockensten Schollen dieses Archipels.

Apropos trocken: Die Kornaten waren zur Zeit ihrer Entstehung und bevor die Venezianer darüber herfielen selbstverständlich bewaldet und alles andere als steintrocken. Danach wurde alles abgeholzt, was nur irgendwie einen Stamm hatte. Ganz offenbar waren die Baumqualitäten hervorragend, denn aus ihnen bauten die Venezianer ihre berühmte Seemacht und Handelsflotte auf.

Doch auf den Kornaten wurde auch Viehwirtschaft betrieben und, davon zeugen so einige Trockenmauern, ein wenig Landwirtschaft. Eine besondere Methode der Wassergewinnung bzw. Feuchtigkeitstauung fand hier schon früh Anwendung. Um den Pflanzen in der trockensten Jahreszeit Feuchtigkeit zu geben und in den Regentagen das Wasser aufzufangen, baute man in gewisser Entfernung zum Pflanzenstamm hohe Trockensteinmauern um die Pflanze herum. Die meisten Mauern werden leider nicht mehr gepflegt, doch die Größe der mittlerweile ausgewachsenen Pflanzen gibt der Methode recht. Es sind vor allem Feigenbäume, die aus diesen Umwallungen prachtvoll grün herauswachsen. Wir wundern uns immer wieder, wie man die Früchte erntet, denn wir finden nie einen Eingang in den überaus hohen Mauerringen. Wie ein Festungswall stehen sie schützend um die singulären Bäume. Diese Methode der Feuchtigkeitsgewinnung wird uns noch einmal auf den Kanaren begegnen, bei den Weinbauern an den Vulkanhängen von Lanzarote. Unweigerlich überlegen wir, ob es vielleicht ausgewanderte Kornati-Fischer waren, die es auf die Kanaren verschlagen hat.

Kirche mit Zeichnung

Unweit der Bucht Kravljacica ragt einer der vielen kargen Gipfel aus dem Meer hervor, der ehemals mit einer stolzen Burg bekrönt war. Davon zeugt noch heute die pittoreske Ruine mit den wenigen übrig gebliebenen Mauern.

Zu ihren Füßen hockt die kleine Kirche Gospe o Tarca und blickt auf eine winzige Bucht und – natürlich – auf die nächsten Inseln. Die Stimmung ist je nach Tageszeit atemberaubend schön. Burgruine, Kirche, Olivenhain, Steinmauern und ein mildes, rosa Licht am Morgen ergeben in dieser, von allem Üppigen bereinigten Gegend ein beinahe magisches Ensemble. Das Kirchlein steht auf den Überresten einer frühmittelalterlichen dreischiffigen Basilika. Hier kann der kunsthistorisch bewanderte Besucher noch ein paar interessante Details entdecken. Dazu gehört auch eine wunderbare Zeichnung – ein Grundriss der Kirche – eingraviert in einen zerbrochenen Dachziegel. Wir stellen uns vor, dass es einer der talentierten Restauratoren oder Archäologen war, die an den Ausgrabungsstätten und bei der Wiederherstellung der Kirche beteiligt waren.

Am ersten Sonntag im Juli pilgern Fischer in ihren Booten zu der kleinen Bucht vor der Kirche, um an der Messe teilzunehmen. Sie endet mit der Segnung der Felder und des Meeres. Ein schöner Ritus, der so überaus gut in dieser Gegend und zu dieser Kirche passt – wir hoffen, dass er noch lange praktiziert wird. In diesem Sinne tragen wir uns in das „Gästebuch“ der Kirche ein und klettern den Burghügel hinauf.

Burgruine mit filmreifen Ausblick

Die Festung Tureta wurde im sechsten Jahrhundert errichtet. Heute steht sie als nackte Ruine auf dem Hügel oberhalb der kleinen Kirche. Hier kann der Blick frei über die umliegenden Eilande schweifen, bis zu den Bergen des Festlands und über die vom Wind weiß aufgewirbelte Adria. Gleich auf der anderen Seite des Kanals, der zwischen den Inseln verläuft, liegt das ebenso karge und felsige Mana. Dort hat sich Ende der 50er Jahre ein Drama zwischen zwei rivalisierenden Fischergruppen mit tragischem Ende abgespielt.

Doch keine Angst, es handelte sich dabei nur um einen Film. In Internetforen wird darüber diskutiert, ob der Film nun „Tobendes Meer“ oder „Raubfischer in Hellas“ hieß. 1959 drehte Horst Hächler den Film über den Rivalitätskampf zweier Fischerinseln in Griechenland nach einer Romanvorlage von Werner Hellwig. Trotz der Topbesetzung mit Maria Schell in der Hauptrolle sowie Cliff Robertson und Cameron Mitchell floppte der Film. Der Spiegel attestierte „ausgiebige Langeweile“ und langatmige „Gefühlsabsonderungen der Hauptdarstellerin“. „Um eine Atmosphäre des Geheimnisvollen bemühtes Drama“ schreibt das Lexikon des internationalen Films.

Von dauerhaftem Interesse und noch immer von geheimnisvoller Atmosphäre blieb allerdings die Filmkulisse zurück. Ein ganzes Dorf wurde in den Felsen von Mana aufgebaut. Heute verfallen auch die Reste davon durch Salzwasser und Wind zerfressen von Jahr zu Jahr. Am Strand gibt es eine temporäre Bar und Sonnenliegen werden vermietet. Übrigens: Der Film heißt tatsächlich „Raubfischer in Hellas“ und nicht „Tobendes Meer“. Das ist nur eine Rückübersetzung des englischen Titels „As The Sea Rages“, den der Film im internationalen Verleih bekam.

Wir werfen einen letzten Blick hinüber nach Mana und wandern in der milden Nachmittagssonne über karge Salbeifelder und durch dornige Brombeerbüsche, deren Früchte so runzelig sind wie Trockenobst, zu unserer Ausgangsbucht zurück.